„DER MENSCH IST LEIDER OFT BÖSE“

Saisonfinale: Federico Longhi über seine Rollen in Rosse – Pagliacci
Erstmals seit sechs Jahren ist der italienische Bariton Federico Longhi wieder zu Gast am Mainfranken Theater. Im Doppelabend Rosse – Pagliacci ist er als Rossknecht Franz (Rosse) und als Tonio in Leoncavallos Pagliacci zu erleben. Im Gespräch mit Oliver Holzer spricht Longhi über die körperlichen und menta­len Anforderungen, die Figurenar­beit und die thematischen Verbin­dungen zwischen beiden Werken.

Wie bereiten Sie sich auf zwei so anspruchsvolle Rollen an einem Abend vor?
Körperlich mache ich viel Sport – vor al­lem Gehen und Laufen. Das unterstützt Atmung und Sauerstoffversorgung und damit unser Instrument, also Kehlkopf und Stimmbänder. Mental hilft mir diese Bewegung, Abstand vom Alltag zu ge­winnen und den Kopf freizubekommen. So kann ich mich gezielt auf Text, Musik und Auswendiglernen konzentrieren – und das parallel für beide Stücke.

Was fasziniert Sie an der Figur des Rossknechts Franz in Zilligs Oper?
Die Rolle verlangt eine genaue psycho­logische Arbeit. Franz ist ein Mensch, dessen Leben vollständig an die Pferde gebunden war – stärker als an seine Mitmenschen. Diese enge Verbindung geht mit dem technischen Fortschritt verloren: Maschinen ersetzen die Ar­beit, und es entsteht ein Bruch zwi­schen Mensch und Tier. Gerade diese fast existenzielle Beziehung zum Pferd macht die Figur so eindringlich.

Wie sehen Sie im Vergleich dazu den Tonio?
Tonio ist komplex, weil seine Bosheit aus einer tiefen inneren Verletzung kommt. Er ist deformiert, lebt isoliert und ohne erfülltes Privatleben. Diese gebrochene Seite ist zentral. In der In­szenierung zeigt sich das als doppelte Psychologie: eine innere Wahrheit und eine äußere, gespielte Haltung. Diese Spannung macht die Figur besonders interessant.

Wie erleben Sie den Wechsel zwi­schen Zilligs Zwölftönigkeit und Leoncavallos Verismo?
Leoncavallo liegt mir naturgemäß nä­her, weil ich Tonio bereits oft gesungen habe. Der Verismo ist mir vertraut – sprachlich wie musikalisch. Zillig ge­hört klar ins 20. Jahrhundert und hat eine andere Klangsprache, aber ohne spezielle vokale Schwierigkeiten. Ent­scheidend bleibt für mich die präzise Arbeit an Wort, Klang und Diktion.

Wo sehen Sie die stärkste Ver­bindung zwischen Ihren beiden Figuren?
Beide Figuren sind stark von Einsam­keit geprägt. Tonio zusätzlich von kon­kreter Eifersucht gegenüber Nedda. Bei Franz ist es weniger Eifersucht im klassischen Sinn als eine schützende, fast besitzergreifende Bindung an sei­ne Tiere.

Welche Bedeutung hat für Sie der berühmte Prolog zu Pagliacci?
Der Dialog, der sich zwischen dem Publikum und dem Bariton entfaltet, ist äußerst wichtig, zumal dieser ja keinen eigentlichen Rollennamen hat. Hier, in der Blauen Halle, werden wir es so machen – für mich ist es das erste Mal –, dass ich ihn in unmittelba­rer Nähe zum Publikum singe. Diese Nähe – körperlich und stimmlich – verstärkt die Wirkung des Prologs und macht ihn besonders intensiv.

Gab es in der Zusammenarbeit mit Regisseur Roman Hovenbit­zer einen Impuls, der Ihre Sicht auf Tonio verändert hat?
Ein wichtiger Ansatz ist die Doppelge­sichtigkeit bei Tonio: einerseits seine „echte“ Natur, andererseits eine be­wusst gespielte, fast künstliche Außen­seite im Umgang mit anderen. Diese Trennung schärft die Figur und eröffnet neue Perspektiven.

Welche Rolle spielt für Sie der Wechsel zwischen Deutsch und Italienisch?
Der Sprachwechsel spielt für mich kei­ne große Rolle. Ich singe viel auf Fran­zösisch, auch auf Russisch. Wichtig ist immer eine klare, saubere Aussprache. Die Präzision der Diktion ist unabhän­gig von der Sprache zentral.

Was macht Würzburg als Arbeits­ort für Sie besonders?
Würzburg hat für mich eine besondere Atmosphäre – historisch, fast magisch. Ich verbinde die Stadt mit früheren Produktionen, etwa Verdis Sizilianische Vesper und vor allem Rigoletto. Dazu kommt ein sehr engagiertes Publikum. Auch wenn der aktuelle Spielort – die Blaue Halle – ein anderer ist, bleiben diese Erinnerungen präsent.

Welche Gedanken sollte das Publi­kum aus diesem Abend mitnehmen?
Die Botschaft ist, dass die menschli­che Natur leider – ich wiederhole: lei­der – oft böse ist und vor allem an ei­gene Interessen und an schnödes Geld denkt. Wie bei Franz: Er hat eigentlich diese tiefe Zuneigung zu den Pferden und lebt Rossknecht – doch mit dem Einzug der Maschinen rückt all das in den Hintergrund, und es geht letztlich nur noch ums Geld. Auch Tonio erfährt diese Bosheit: Als deformierter, „nicht schöner“ Mensch wird er ausgegrenzt. Menschen neigen dazu, sich von einer solchen Erscheinung abzuwenden – und selbst hart zu werden. Was ich mir wünsche, ist deshalb ganz einfach: dass diese Bosheit eines Tages aus der Welt verschwindet.

MATINEE
Sonntag, 3. Mai | 11:00 Uhr
Oberes Foyer im Theaterneubau

SYMPOSIUM
Winfried Zillig (1905–1963): Komponist – Werk – Zeitkontext
Sonntag, 17. Mai | 11:00 Uhr
Kleines Haus

PREMIERE
Sonntag, 17. Mai | 18:00 Uhr
Theaterfabrik Blaue Halle

Weitere Vorstellungen und Informationen unter mainfrankentheater.de/rosse
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