Schauspiel

Was alle angeht

Das Schauspiel unseres Vier-Sparten-Hauses möchte alte und neue Geschichten so erzählen, dass sie berühren und unterhaltsam sind, in der Hoffnung, bei jeder Aufführung aufs Neue Anstoß für regen Diskurs und Austausch des Publikums zu liefern. Im besten Falle werden so Welten erfahrbar und können gegen die eigene Welt gehalten werden. Theater soll als der Ort der Gesellschaft erkennbar werden, wo für alle das verhandelt wird, was alle angeht.

Das Schauspielensemble umfasst je nach Spielzeit 14-18 Schauspieler*innen, größtenteils als feste Ensemblemitglieder, aber auch als wiederkehrende Gäste. Im Großen Haus bieten die Inszenierungen eine Mischung aus Klassikern des Sprechtheaterrepertoires von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Die Auswahl von tragischen und welthaltigen Stoffen unseres kulturellen Erbes genauso wie von komischen Stücken ist dabei Prinzip. In der kleineren Spielstätte, der Kammer mit Blackbox-Charme, werden vor allem Stücke der zeitgenössischen Dramatik zur deutschsprachigen Erst- oder Uraufführung gebracht. Neben diesen beiden Spielstätten werden immer wieder Orte in der Stadt aufgesucht, um dort spezielle mit der Stadtgesellschaft verbundene Projekte szenisch zu realisieren.

Aktuelle Produktionen

Luise und Ferdinand lieben sich über alles. Doch die Tochter des bürgerlichen Stadtmusikanten Miller und der Sohn des adeligen Präsidenten von Walter dürfen nicht zusammenfinden. Vater Miller lehnt die unstandesgemäße Verbindung aus Sorge und Prinzip ab. Präsident von Walter untersagt sie, da er seinen Sohn mit der herzoglichen Mätresse Lady Milford verheiraten will, um den eigenen Einfluss bei Hofe zu vergrößern. Ferdinand rebelliert gegen diesen Plan und will mit Luise fliehen. Lady Milford lässt sich jedoch nicht einfach zu einer Absage der Hochzeit bewegen. Zusätzlich werden die beiden Liebenden Opfer einer Intrige des Präsidenten und seines Sekretärs Wurm. Luise und Ferdinand sind nun Spielbälle patriarchaler Macht: Sie gerät in den unlösbaren Konflikt zwischen Elternfürsorge und Aufrichtigkeit. Er verfällt rasender Eifersucht. Kann allein der Glaube an die absolute Kraft ihrer Liebe das junge Paar retten?

„Kabale und Liebe“, uraufgeführt 1784 in Frankfurt am Main, ist das dritte Drama des damals erst 25-jährigen Friedrich Schiller. Es ist eines der zentralen Werke der „Sturm und Drang“-Generation, also jener Schriftsteller, die sich gegen die starren Konventionen der konservativen und adeligen Eliten wendeten. Wie in kaum einem anderen Stück aus dieser Zeit verbindet sich hier auf radikale Weise der Kampf um eine romantische Liebe mit dem Aufbegehren gegen die Autorität der Väter und für das Recht auf Selbstbestimmung.
Im Jahr 2019 jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Was bedeutet die Deutsche Einheit für die Republik? Der Protagonist in „Kein Schiff wird kommen“ erhält den Auftrag, ein Theaterstück über die Wiedervereinigung zu schreiben. Obwohl das Jahr 1989 ihm nichts bedeutet, nimmt er mit Blick auf seine schleppende Karriere an. Widerwillig macht er sich auf die Reise nach Föhr, um seinen Vater zu besuchen und dessen Sicht auf den Mauerfall für seine Recherche zu nutzen. Doch seit dem Tod der Mutter ist die Vater- Sohn-Beziehung von Ungeduld und Sprachlosigkeit geprägt. Die beiden Männer scheinen sich immer mehr voneinander zu entfernen. Während der Protagonist am Wendethema scheitert, holen ihn seine Erinnerungen mit aller Wucht ein.

1981 selbst auf Föhr geboren, zählt Nis-Momme Stockmann zu den bekanntesten zeitgenössischen Theaterautoren der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Mit seinem Stück „Der Mann der die Welt aß" wurde er beim Heidelberger Stückemarkt mit dem Haupt- und Publikumspreis ausgezeichnet. Weitere Auszeichnungen folgten. In der Spielzeit 09/10 schrieb Stockmann „Kein Schiff wird kommen“ für das Staatstheater Stuttgart. Die Inszenierung der Uraufführung wurde zu den Mülheimer Theatertagen und ins Rahmenprogramm des Berliner Theatertreffens eingeladen.

Kevin Barz, der mit Beginn der Spielzeit 19/20 Hausregisseur am Mainfranken Theater wird, legt nach „Unsere blauen Augen“ seine zweite Inszenierung in Würzburg vor.

Leonhard-Frank-Stipendium

Seit 2018 gibt es mit dem Leonhard-Frank-Stipendium zur Förderung zeitgenössischer Dramatik eine nachhaltige Förderungsmöglichkeit für junge Theaterautor*innen, die in enger Zusammenarbeit mit der Dramaturgie des Mainfranken Theaters einen Theatertext entwickeln können.
Stipendiatin 2019: Fabienne Dür
Fabienne Dür wurde 1993 in Berlin geboren. Nach dem Abitur studierte sie Theaterwissenschaft und Deutsche Philologie an der Freien Universität Berlin und assistierte parallel an verschiedenen Theatern. Seit 2016 studiert sie szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Ihre Texte wurden am Theater an der Parkaue, am Theater Koblenz und im Rahmen des 4+1 Festivals am Schauspiel Leipzig gelesen. Ihr erstes Theaterstück „Leben im Vakuum“ wird im Juni 2019 am Theater Koblenz uraufgeführt. Im November 2018 erhielt Dür den Sonderpreis des Deutschen Kinder- und Jugendtheaterpreises des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Stipendiat 2018: Gerasimos Bekas
Gerasimos Bekas wurde 1987 geboren und wuchs in der Nähe von Würzburg auf. Er studierte Politikwissenschaft in Würzburg und Bamberg. Zurzeit lebt er als Autor und Dramatiker in Athen und Berlin. Mit "G for Gademis" stand er 2015 selbst auf der Experimentalbühne des Griechischen Nationaltheaters. Im März 2018 wurde sein Stück "Karagiozis bei den Thermopylen" im Studio des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin uraufgeführt. Im November 2018 erscheint sein erster Roman "Alle Guten waren tot" bei Rowohlt.