Das Theater als Leinwand des Lebens

Mit Von drei Millionen drei eröffnet das Schauspiel die neue Spielzeit
Liebes Publikum,
ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen! Ab der kommenden Spielzeit leite ich die Schauspielsparte in Würzburg. Mit einem großartigen, spielfreudigen Ensemble haben wir mit den Vorproben zur Eröffnungspremiere Von drei Millionen drei begonnen. Ich gestehe freimütig: Ich kannte Leonhard Frank nicht, bevor ich anfing, mich mit Würzburg als meinem neuen Zuhause zu beschäftigen, und schon jetzt bin ich der Stadt für die Begegnung mit diesem wichtigen Autor dankbar.

1932 wurde der dritte seiner Würzburger Romane – der erste Arbeitslosenroman – veröffentlicht. Die Protagonisten der Räuberbande sind alt geworden, sie haben den Ersten Weltkrieg erlebt, dann die Weltwirtschaftskrise. Nur drei sind übriggeblieben und da sie keine Arbeit finden können, bleibt ihnen nur die Hoffnung und ihre Freundschaft. Ziellos ziehen sie aus Würzburg in eine Welt, die eigentlich mit Reichtum gesegnet ist, ein Reichtum, der für sie unerreichbar bleibt. Sie durchqueren ein „fruchtstrotzendes Land“, Hunger und Hammelchen (ein zugelaufenes Hündchen) als ständige Begleiter.

Aber warum ein Stück über Arbeitslosigkeit? Was hat uns ein Roman von 1932 heute zu sagen? Arbeitslosigkeit ist zwar immer Thema, aber wo liegt die präzise Aktualität von Franks Roman? „Aber es muss doch etwas faul sein an der Entwicklung, da es trotz des unermesslichen Reichtums den allermeisten Menschen so sauschlecht geht, dass sie nicht einmal das Nötigste haben, jedenfalls kaum besser geht als denen vor hunderttausend Jahren“, sagt eine Figur im Stück. Das trifft.

Die technische Entwicklung schreitet immer weiter voran und lässt viele Menschen zurück. Wir leben in einer Welt, in der Elon Musk plant, auf den Mars zu fliegen, während andere nicht wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen – Working Poor – arm trotz Arbeit. Lang erstrittene Sozialleistungen werden gekürzt mit dem Hinweis, dass zu wenig gearbeitet wird – die Erschöpfung weiter Teile der Gesellschaft ist greifbar.
Wir wissen, dass der Reichtum auf der Welt ungerecht verteilt ist und wir ahnen, dass KI als große technische Revolution diese Verhältnisse nicht verbessern wird, sondern Bestehendes zementiert.

Das Theater bleibt im Kern analog: Schauspielerinnen und Schauspieler können auf der Bühne nicht durch eine KI ersetzt werden, wir werden damit immer mehr zu einer wichtigen Gegenthese, einer Leinwand, auf der wir die innere und äußere Wirklichkeit der Menschen zeichnen – wie Leonhard Frank es sagen würde. Und wie er bewahrt sich das Theater einen einfühlsamen Blick auf das Leid der Menschen, die vom Schicksal benachteiligt sind. Liebes Publikum, ich freue mich auf Sie, auf echte Begegnungen im Theater, auf das gemeinsame Erleben, die Gespräche und die entschleunigte Zeit.
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