„Wir müssen leben!“

Anton Tschechows Klassiker Drei Schwestern ab 18. April im Kleinen Haus
Dramaturg Tim Puls spricht mit den Hauptdarstellerinnen Julia Baukus (Irina), Patricia Schäfer (Olga) und Nina Mohr (Mascha) über ihre Rollen der Drei Schwestern, die zu den komplexesten Frauenrollen der Theaterliteratur zählen.

Habt ihr selbst Geschwister? Was macht die Beziehung eurer Figuren zueinander besonders?

Patricia Schäfer (PS): Die drei Schwestern sind sehr unterschiedlich in ihren Charakteren, ich möchte allerdings sagen, dass sie sich irgendwie gut ergänzen. Ich selbst habe leider keine Geschwister.

Julia Baukus (JB): Ich habe eine Zwillingsschwester. Bei meiner Schwester und mir ist das interessanterweise ähnlich, dass man sich auf merkwürdige Art und Weise sehr gut ergänzt.

Nina Mohr (NM): Ich hab eine jüngere Schwester und als Mascha auf der Bühne jetzt sogar eine mehr! Noch mehr Möglichkeiten für Missverständnisse unter Geschwistern: Liebesneid, -entzug, lautes Schweigen, Seitenhiebe, die nur Geschwister so austeilen und die wunden Punkte treffen können … Auf der anderen Seite versteht man sich als Schwestern blind und hört oder sieht bestimmte Nuancen, die andere überhören würden und ordnet Aussagen ganz anders ein.

Drei Frauen als Hauptfiguren eines Theaterstücks waren nicht nur 1901 eine Besonderheit. Wie übersetzt sich die Figurenkonstellation in unsere Gegenwart?

NM: Auch bei Tschechow sind es vor allem die Männer, die viel reden. Das trifft insbesondere auf den Oberstleutnant Werschinin zu, in den Mascha sich im Stück verliebt. Während er permanent vor sich hin philosophiert, beschäftigen sich die Schwestern mehr mit den handfesten Fragen des alltäglichen (Über-)Lebens.

PS: Mittlerweile gibt es in der Theaterliteratur ja doch einige starke Frauenfi guren in der Hauptrolle. Besonders zeitgenössische Stücke zeigen eine deutliche Öffnung hin zu weiblichen Sichtweisen, der Stellung der Frau in der Gesellschaft, zum Beispiel in den Stücken von Felicia Zeller: Kaspar Häuser Meer und Der Fiskus (aktuell am MFT) oder Prima Facie von Suzie Miller. Trotzdem sind Stücke mit weiblicher Hauptrolle nicht so allgegenwärtig wie die mit männlicher Hauptrolle. Regisseur Robert Schuster und Kostüm- und Bühnenbildner Sascha Gross haben sich aber dazu entschieden, die Geschichte um die drei Schwestern in unsere Gegenwart zu holen, was sich nicht nur im Kostümbild abbildet, doch ich will nicht zu viel vorwegnehmen …

JB: Die Geschwisterliebe ist für mich einer der zeitlosen Aspekte des Stücks. Die Strukturen und Muster einer Geschwisterkonstellation lassen sich unabhängig von Raum und Zeit erzählen.

Inwiefern unterscheiden sich Tschechows Figuren von denen anderer Autor:innen, die ihr am Mainfranken Theater gerade spielt (oder gespielt habt)?

PS: Die drei Schwestern unterscheiden sich von anderen Figuren darin, dass sie mehr reagieren als selbst zu handeln. Das macht sie auch so schwierig zu spielen. Ich hab am MFT bisher eher Figuren gespielt, die sich durch starkes Handeln ausdrücken.

JB: Für mich ist das eine tolle Erfahrung, so tief in das Unvermögen, Hadern, Suchen und Zweifeln einer Figur einzusteigen – in eine Tiefe und Menschlichkeit, die mir bisher bei kaum einem anderen Autor begegnet ist. Ich bin sehr dankbar, Teil dieses Tschechow-Kosmos sein zu dürfen.

NM: Ich habe noch nie ein Stück von Tschechow gespielt. Das Stück und meine Figur Mascha fühlen sich so sensibel und feingliedrig an: Trauer und Liebestaumel, Fröhlichkeit und Abschiedsschmerz wechseln sich ab, in so natürlicher und spontaner Weise, dass es für mich eine große Herausforderung wird, das glaubhaft und stringent darzustellen und zu durchleben. Ich habe hier am Theater noch nie eine so vielschichtige und aufregende Figur gespielt.

Tschechow stellt in Drei Schwestern existenzielle Fragen: „Wie soll man Leben? Und wofür arbeiten wir?“ Wie begegnen eure Figuren diesen Fragen?

JB: Anhand einer Achterbahnfahrt der Gefühle durch vier Akte, bei denen die gleichen Fragen bei jeder der Schwestern zu komplett anderen Antworten führen.

PS: Meine Figur Olga hat den Sinn ihres Lebens in der Arbeit gefunden, mit welcher sie allerdings auch sehr viele Ängste oder Leerstellen in ihrem Leben kompensiert.

NM: Mascha ist als jung verheiratete Frau sehr schnell in das Bild einer Ehefrau hineingezwängt worden. Sie arbeitet nicht mehr und flüchtet sich vor der Oberfl ächlichkeit ihres Mannes zu ihren Schwestern. Trotzdem verliebt sie sich in Werschinin und weiß nicht, wie sie mit diesen Gefühlen umgehen soll. Auch wenn sie wie ihre Schwestern am Ende alles verliert, zwingt sie sich dennoch zu einem „Wir müssen Leben!“ und wird wohl auch oder gerade mit Hilfe ihrer Schwestern weiterleben und überleben.

DREI SCHWESTERN
Premiere: Samstag, 18. April | 19:30 Uhr
Kleines Haus

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