Fantasie und Hilfe

Interview mit Regisseurin Hanna Müller zu "Das Buch von allen Dingen"
Am 14. Februar feiert "Das Buch von allen Dingen" um 20 Uhr in der Kammer des Mainfranken Theaters Premiere. Regie führt – wie schon bei "Superhero" in der vergangenen Spielzeit – Hanna Müller. "Das Buch von allen Dingen" basiert auf einem Roman des niederländischen Autors Guus Kuijer. In das Zentrum seiner Geschichte rückt Kuijer Thomas, der sich gegen seinen schlagenden Vater behaupten muss.
Katharina Nay: Hast du Erfahrungen mit häuslicher Gewalt gemacht?

Hanna Müller: Nein, damit habe ich glücklicherweise keine Erfahrungen.

Katharina Nay: Bastian Beyer, Julia Baukus, Hannes Berg und Maria Brendel spielen Thomas, seine Schwester Margot, Herrn und Frau Klopper. Weißt du, ob jemand von ihnen Erfahrungen mit häuslicher Gewaltgemacht hat?

Hanna Müller: Es hat zumindest niemand darüber gesprochen, aber ich habe grundsätzlich das Gefühl, dass alle etwas mit dem Thema anfangen können. Zu Beginn der Proben haben wir uns viel über die eigenen Familienstrukturen ausgetauscht. Da wurde unter anderem erzählt, dass einem Elternteil die Hand ausgerutscht ist und wie das als Kind empfunden wurde. Diese Erfahrungen wurden nicht als traumatisch erlebt, aber sie haben bleibenden Eindruck hinterlassen. Auch wenn es sich um Ausnahmen handelt, die im Affekt passiert sind und das Geschehene innerhalb der Familie reflektiert und besprochen wurde.

Katharina Nay: Wie nah haltet ihr euch an die Romanvorlage?

Hanna Müller: So nah wie möglich, denn Guus Kuijer hat eine wirklich gute Geschichte darüber geschrieben, was es bedeutet, wenn jemand Schwächeres jemand Stärkerem ausgesetzt ist und plötzlich die Möglichkeit hat, dieses Kräfteverhältnis zu verändern.

Katharina Nay: Thomas bemerkt an einer Stelle des Stücks erstaunt, dass sein Vater Angst hat. Für Thomas ist das eine wichtige Erkenntnis.

Hanna Müller: Ja. Bis zu diesem Punkt war sein Vater für ihn jemand, dem er hilflos ausgeliefert war. Aus der Erkenntnis, dass sein Vater nicht allmächtig ist, gewinnt Thomas eine Kraft, die ihn Widerstand leisten und aktiv nach Wegen suchen lässt, die bisherigen Machtverhältnisse zu verändern.

Katharina Nay: Bei der Suche nach einer Lösung seines Problems bekommt Thomas unerwartete Hilfe von seiner Nachbarin. Sie sieht nicht weg, sondern zeigt Thomas, dass er nicht allein ist.

Hanna Müller: Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Thomas' Familie wirkt bis zum Eingreifen und Nachfragen von Frau Van Amersfoort von außen wie eine intakte Familie. Aber der äußere Schein entspricht nicht immer dem, was hinter verschlossenen Türen tatsächlich stattfindet. Ich finde es wichtig, sich das immer wieder bewusst zu machen. Gerade weil häusliche Gewalt kein Problem ist, das nur eine Gesellschaftsschicht beträfe. Sie kommt, wie es sprichwörtlich heißt, in den besten Familien vor.

Katharina Nay: Um der Gewalt und der Übermacht seines Vaters zu entkommen, flüchtet sich Thomas regelmäßig in seine eigene Welt. Wie erzählt ihr diese Welt von Thomas, die so reich und fantasievoll ist, dass Gegenstände schweben können und Tiere sich plötzlich zigfach vervielfältigen?

Hanna Müller (lacht): Mit der Fantasie des Zuschauers natürlich. Und der Magie des Theaters. Während der Proben müssen wir beides nur noch in das richtige Verhältnis bringen.
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