Dernièren

The Final Curtain

Diese Produktionen laufen nur noch wenige Male
Vernissage und Finissage heißen die Eröffnung und das Beenden einer Ausstellung im Museum. Oder in einer Galerie. Zumindest die Vernissage ist in der Regel mit Reden verbunden, zumeist auch mit einem öffentlichen Umtrunk.

Im Theater haben die jeweils ersten und letzten Vorstellungen ebenfalls französische Namen: Premiere und Dernière. Und noch mehr als in der Bildenden Kunst sind diese Ereignisse emotional aufgeladen. Die Premiere bildet den Abschluss der Probenzeit, das Ergebnis monatelanger Arbeit an Inszenierung, Bühnen- und Kostümbild, Licht, Ton und Video sowie dem monatelangen Einstudieren der Rollen oder Partien. Nun wird alles erstmals öffentlich gezeigt. Anders als im Museum kann sogar in der Premiere noch einiges schiefgehen: Texthänger, Stimmkratzer, Kiekser – aber auch eine mangelnde Resonanz beim Publikum während der Vorstellung können das Ergebnis der monatelangen „Projektarbeit“ im Augenblick beeinträchtigen. Der „Firnis“, von dem sich Vernissage ableitet, kann eben nicht vor Beginn des Abends auf das Kunstwerk aufgetragen werden, wie bei einem Bild. Deswegen wohnt diesen Premieren ein ganz besonderer unwiederbringlicher Zauber inne, den sich einige Theaterinteressierte zu Recht mit einem Premieren-Abonnement sichern. So kann man sich sein Urteil auch noch vor der Kritik bilden, völlig unbeeindruckt von der medialen Rezeption. Und natürlich gibt es bei der Premierenfeier ebenfalls Reden und einen Umtrunk.

Anders als im Museum verändert sich eine Aufführung aber mit ihrer Wiederholung: Bei der zweiten Aufführung lässt vielleicht die extreme Aufregung etwas nach, in den weiteren Vorstellungen wächst vielleicht das ein oder andere noch besser zusammen, die Reaktionen des Publikums in verschiedenen Momenten werden berechenbarer. Jeder Abend ist somit ein Unikat.

Aber dann kommt die Dernière, abermals ein ganz besonderer Moment! Gerade an mittleren Häusern ist das oftmals nach wenigen Monaten der Fall, nur an großen Häusern laufen Inszenierungen in der Regel länger als eine Spielzeit. Für viele Künstler:innen sind bestimmte Rollen eine langjährige Wunschvorstellung, die sich nun endlich erfüllt hat, zum Beispiel einmal im Leben die Traviata singen. Wenn das dann zum letzten Mal erfolgt und man noch nicht weiß, ob man das nochmals irgendwo tun wird, kommt ein Lebensprojekt zu seinem Ende. Die Trauer darüber kann manchmal so groß sein, dass einzelne Künstler:innen nicht einmal an dem internen „Beerdigungsfest“ für eine Produktion teilnehmen können (so habe ich es erlebt). Genauso kann es mit einem Theaterstück sein, das allen Beteiligten sehr wichtig war: Das Ende ist ein extrem emotionaler Moment. Lassen Sie sich diese besonderen Vorstellungen nicht entgehen! Vielleicht sollten wir ja irgendwann auch über ein Dernièren- Abonnement nachdenken?
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